Napoleon und die Pestkranken
Dienstag 9. Juni @ 12:30

Krankenbesuch als politische Botschaft | “I’m shaking hands continuously. […] I shook hands with everybody, you’ll be pleased to know. I continue to shake hands.” So berichtete der britische Premierminister Boris Johnson am 3. März auf einer Pressekonferenz vom Besuch in einem Krankenhaus, wo er unter anderem COVID-19-Kranke traf. Johnson tat, was eigentlich schon niemand mehr tat: Er lief herum und berührte andere Menschen, von denen er annehmen konnte, dass sie das Virus SARS-CoV-2 bereits in sich trugen. Der Premier präsentierte sich unbekümmert, selbstsicher, überlegen. Man kann das Kalkül oder Ignoranz oder Dummheit oder Mut nennen. Es gab jedenfalls prompt europaweite Presse dafür. Vom Händeschütteln selbst existieren keine Bilder, stattdessen verbreitete sich das genannte Zitat als Platzhalter für die Unbekümmertheit des britischen Premierministers angesichts des Virus.

Um die umstrittene Berührung auf einer Krankenstation geht es auch in dieser kleinen Radierung. Sie zeigt General Napoleon Bonaparte, der eine offenbar erkrankte Person berührt, während seine Begleiter sich furchtsam abwenden. Worum geht es hier und was hat die eigentümliche Hospitalumgebung damit zu tun? Zu sehen ist ein hoher Raum. Die obere Hälfte wird von großzügigen architektonischen Gestaltungelementen bestimmt: Die Wände gehen über den Bildrand hinaus, der Torbogen eröffnet den Blick auf die hügelige Landschaft, eingefasst von Säulen und Vorhängen. Letzterer bauscht sich deckenhoch, seine Vorhangschnur markiert die Bildmitte. Eine antik anmutende Büste über dem Eingang und eine Szene der Mildtätigkeit im Wandbild rechts komplettieren die Ausstattung. Hier wird Größe transportiert, aber auch Theatralität und eine gewisse Zeitlosigkeit. Der untere Bildteil ist belebter und bietet konkrete Anhaltspunkte für die Nutzung des Raumes. Die umlaufenden Wandborde sind wie die Kastenbetten aus Holz gefertigt, schmucklos und stabil. Teller, Flaschen und Krüge stehen für die in den Betten darunter gelagerten Kranken und das pflegende Personal griffbereit zur Verfügung. Weitere Utensilien sind am linken Bildrand zu finden: zwei hölzerne Krücken sowie eine Krankentrage mit Kopfstütze und Vierkantfüßen. Der Eindruck ist weniger der eines eiligen Provisoriums als eines einfachen, aber recht strukturierten Hospitals. Als solches verweist die Grafik auf das sich um 1800 in Frankreich allmählich entwickelnde Gesundheitssystem, das ein Initialmoment in der Revolution und den einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen hatte.

Was macht nun Napoleon Bonaparte inmitten von offenbar kranken Menschen in einem für Kranke eingerichteten und zugleich theatralisierten Raum? Und was tut er eigentlich da: Fasst er den Siechen vor sich etwa an? Die Gruppe um den General bildet das Zentrum der Darstellung. Hinter Bonaparte steht eine Zivilperson, die ihn in einer Geste des Zurückhaltens an der Schulter fasst. Das charakteristische Gesicht lässt die Identifizierung des Militärarztes René-Nicolas Dufriche Desgenettes zu. Der Offizier dahinter hält sich ein Tuch vor den Mund. Beide stehen auf dem rechten Bein, den Oberkörper weggedreht von dem mageren, in Lumpen gekleideten Mann, der sich nur mit fremder Hilfe auf den Beinen halten kann. Bonaparte hingegen, erkennbar am markanten Profil sowie durch die Uniform mit Bauchbinde und Zweispitz, wendet sich dem Kranken zu und berührt dessen freiliegende Brust. Während andere Abstand halten, sogar versuchen ihn zu hindern, sucht er den Kontakt. Er zeigt sich furchtlos oder zumindest doch unbeeindruckt und ist damit Held der Szene – ganz ohne jedes Schlachtengetümmel.

Um die Darstellung besser zu verstehen, hilft der Vergleich mit einem bekannten Gemälde weiter, dessen zentrale Figurengruppe der hier beschriebenen ganz ähnlich ist: „Bonaparte visitant les pestiférées de Jaffa” (1804) von Antoine-Jean Gros (link zum Louvre). Der Besuch Napoleons im Hospital nimmt also Bezug auf ein konkretes historisches Ereignis, nämlich den Besuch des Befehlshabers bei den pestkranken Soldaten in Jaffa (Tel Aviv) während des Feldzuges nach Ägypten im März 1799. Ob dieser Besuch und die Berührung tatsächlich stattgefunden haben, ist historisch nicht ganz klar. Schon damals brodelte die Pariser Gerüchteküche nach dem militärischen Desaster in Ägypten. Antinapoleonische Presse kursierte (so unterstellte man Bonaparte, er habe pestkranke französische Soldaten vergiften lassen), das politische Gefüge mit Bonaparte als erstem Konsul war fragil, der Umbau zur Monarchie stand bevor. In dieser Gemengelage wird Gros‘ Gemälde im Salon de France wenige Wochen vor der Kaiserkrönung prominent ausgestellt und Napoleon als Held im Angesicht der Pest gezeigt. Ikonografisch erinnert Bonapartes Geste an Wunderheilungen oder die Figur des „Roi thaumaturge“, des durch Handauflegung heilenden Königs. Die Bildstrategie nutzt die angstvolle und meist aussichtlose Lage der pestkranken Soldaten für die umso glänzender hervortretende Inszenierung der Herrscherfigur.

Die Ingolstädter Radierung ist nüchterner gehalten. Durch die hospitalisierte Umgebung entsteht eine geordnete Atmosphäre. Die Inszenierung von Napoleons Person wird hier weniger mit kaiserlicher Grandesse als mit Errungenschaften der Französischen Revolution in Verbindung gebracht, sodass die Idealisierung seiner Person als Teil und Höhepunkt der revolutionären Neuerungen erscheint, zu denen auch die Institutionalisierung von Hospitälern gehört.

Kann die Ingolstädter Grafik als medienhistorischer Vorläufer des Händeschüttelns von Boris Johnson in einem Krankenhaus gut 200 Jahre später gelten? Damals wie heute laufen hochrangige PolitikerInnen nicht einfach so in eine Epidemie-Station. In den Bildern oder Zitaten dieser Auftritte bleibt die Bedrohung vage. Umso mehr kann die Person des Interesses hervortreten. Es bleibt nicht aus, dass diese Sichtbarkeit politisch verwertet wird. Um sich medienwirksam zu präsentieren, scheint eine Pandemie kein schlechter Zeitpunkt zu sein. Die Zeugnisse davon jedenfalls entfalten ihre eigene Überzeugungskraft, unabhängig vom Tatsachengehalt des Ereignisses.

Autorin:
Johanna Lessing M.A.
Doktorandin im VW-Graduiertenkolleg „Wissen | Ausstellen. Eine Wissensgeschichte von Ausstellungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts”, Georg-August-Universität Göttingen (derzeit im Praxisjahr am Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt)

– max. 6 Personen (bei Gartenvisiten 8 Personen)
– Voranmeldung an der Museumskasse erforderlich (Tel. 0841-305 2860, E-Mail)
– Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Museum, auch während der Mittagsvisite

Auf Grund der aktuellen Lage bezüglich der Coronavirus Verbreitung werden derzeit vermehrt Veranstaltungen abgesagt oder verschoben. Bitte prüft im Zweifelsfall beim Veranstalter, ob die Veranstaltung zum genannten Zeitpunkt stattfindet.
Teilen