Spendenmarken der Pfennigparade
Dienstag 23. Juni @ 12:30

Heft mit Spendenmarken zur Bekämpfung der Kinderlähmung | Ein Staat muss rasch handeln, wenn eine Epidemie oder gar Pandemie die Bevölkerung gefährdet. Im Fall von Covid-19 werden beispielsweise finanzielle Unterstützungen in wirtschaftlicher Notlage zugesichert und Ratschläge erteilt, die vor einer Ansteckung schützen sollen. Doch staatliche Instanzen geraten bei dieser Aufgabe immer wieder an ihre Grenzen. So ist die Geschichte der Epidemien auch eine Geschichte privater Initiativen und solidarischen Handelns. Das ist auch an verschiedenen Objekten in der Sammlung des DMMI erkennbar: etwa beim Teddybären zugunsten der Münchner Aids-Hilfeoder bei den hier vorgestellten Spendenmarken der „Pfennigparade“.

Die Münchner Bürgerinitiative „Pfennigparade“ gründete sich auf Initiative des Orthopäden Georg Hohmann (1880-1970) als Reaktion auf die Polio-Epidemie im Jahr 1952. Diese hatte in Deutschland 9.500 Gelähmte und 745 Tote zur Folge. Der Verein widmete sich der Bekämpfung der Kinderlähmung (Poliomyelitis, kurz „Polio”) und startete eine Kampagne unter dem Motto „Jeder Pfennig zählt“, innerhalb welcher Bürger für betroffene Kinder sammeln konnten. Als Ordinarius für Orthopädie an der Ludwig-Maximilians-Universität München hatte Hohmann wohl zur Genüge das Leid Erkrankter erlebt, die mit Lähmungen zu kämpfen hatten, denn in Bayern hatte es auch vor 1952 schon mehrere größere Epidemiewellen gegeben. Zur Zeit der Gründung des Vereins existierte noch keine wirksame Impfung gegen Polio, weshalb die gesammelten Spenden in die Beschaffung von „Eisernen Lungen“ und anderen Beatmungsgeräten sowie in die Behandlung von Erkrankten flossen.

Der Name „Pfennigparade“ leitet sich übrigens von der US-amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation „March of Dimes“ ab: Nachdem der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt im Jahr 1938 selbst an Polio erkrankt war, bat er die Bevölkerung, ihre „Dimes“, also ihre Silber-Münzen, der Nationalen Stiftung für Kinderlähmung zu spenden.

Erst im Jahr 1955 entwickelte der US-amerikanische Bakteriologe Jonas Salk den ersten wirksamen Impfstoff gegen die Kinderlähmung. Dieser musste in mehreren Raten injiziert werden; das machte die Impfung aufwendig und entsprechend teuer. Aus diesem Grund war die Polio-Impfung in Bayern anfangs noch kostenpflichtig. Der Pfennigparade-Verein übernahm die Kosten für Familien, die von den bayerischen Gesundheitsämtern als „minderbemittelt“ bezeichnet wurden. Dies finanzierte der Verein durch den Verkauf von Heftchen mit Spendenmarken. Für 5 Mark konnte man ein solches Markenheft mit verschiedenen Spendenmarken erwerben. Das entsprach den Kosten einer Schutzimpfung für bedürftige Kinder. Laut Text auf der Rückseite des Heftes wurden mit den Einnahmen aus der Aktion aber auch weiterhin Eiserne Lungen und andere Beatmungsgeräte gekauft. Die Marken im Heft sind pink, mittig eine weiße Spritze, an deren Kanüle sich zwei schwarze Krücken kreuzen. Umlaufend ist zu lesen „PFENNIGPARADE GEGEN DIE KINDERLÄHMUNG“.

1961 kam die von Albert Sabin entwickelte „Schluckimpfung“ gegen Polio auf den Markt. Sie hatte gegenüber der bisher verwendeten Salk-Vakzine mehrere Vorteile: Sie war kostengünstiger, einfach und nur einmalig zu verabreichen und eignete sich dadurch viel besser für Massenimpfungen. Auf Initiative der Pfennigparade führte Bayern noch im selben Jahr als erstes Bundesland die Schluckimpfung ein. Die BRD zog kurze Zeit später nach. Endlich war eine öffentliche Impfung gegen Polio auf freiwilliger Basis flächendeckend verfügbar. Die Schluckimpfung war für alle Personen von 6 Monaten bis 40 Jahren sowie  für Kontaktpersonen von Kranken kostenlos.

Aus dem Verein „Pfennigparade e.V.“ wurde schließlich im Jahr 1979 die „Stiftung Pfennigparade“. Die Bürgerbewegung hatte sich inzwischen zu einem großen Rehabilitationszentrum für Menschen mit Körperbehinderung entwickelt. Im Laufe der Zeit wurden Schulen, Werkstätten und andere Einrichtungen eröffnet. Die Stiftung umfasst heute 15 Tochtergesellschaften und gehört zu den führenden Sozialunternehmen für die Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen in Deutschland.

– max. 6 Personen (bei Gartenvisiten 8 Personen)
– Voranmeldung an der Museumskasse erforderlich (Tel. 0841-305 2860, E-Mail)
– Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Museum, auch während der Mittagsvisite

Auf Grund der aktuellen Lage bezüglich der Coronavirus Verbreitung werden derzeit vermehrt Veranstaltungen abgesagt oder verschoben. Bitte prüft im Zweifelsfall beim Veranstalter, ob die Veranstaltung zum genannten Zeitpunkt stattfindet.
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